Von Kirsten Gehrke, Nordkurier vom 20.02.2010
Demmin/Törpin. Soll der Seniorenbeirat in die Hauptsatzung des Kreises aufgenommen werden? Das soll jetzt geprüft werden. Einen entsprechenden Auftrag hat der Sozialausschuss des Kreistages am Dienstagabend der Verwaltung erteilt. Hintergrund ist das Seniorenmitwirkungsgesetz des Landes, das gegenwärtig diskutiert und voraussichtlich im Sommer verabschiedet wird. Wie Ausschussvorsitzende Friedegard Wachsmuth (Die Linke) sagte, habe der Landkreis Demmin einen Vorlauf, da sich der Törpiner Professor Helmut Pratzel intensiv mit dem demografischen Wandel beschäftigt hat. Deshalb hat der Sozialausschuss diesmal in den Räumen des Törpiner Forums, in der Alten Schule, getagt.
Helmut Pratzel, der neben seinem Vorsitz im Törpiner Forum auch Vorsitzender des Seniorenbeirates des Kreises ist, legte dar, welche Auswirkungen der demografische Wandel hat und wie wichtig es sei, dass die ältere Generation bei politischen Entscheidungen mitwirkt. Ziel sei es, so Wachsmuth, dem Beirat den kreislichen Segen zu erteilen, damit er auf der Ebene Kreistag hinein wirken könne. „Aber das ist alles Zukunftsmusik, alles im Konjunktiv zu denken“, stellte die Ausschussvorsitzende klar. Denn erst einmal müsse sich das Gremium mit dem Thema auseinandersetzen.
Auseinandergesetzt hat sich damit bereits der Törpiner Gastgeber. Er zeigte dem Ausschuss drei Probleme auf. Weltweit würden die Menschen immer älter, europaweit weniger Kinder geboren, und in der Region würden junge Menschen abwandern in wirtschaftlich begünstigte Gegenden. „Der Bevölkerungsrückgang führt zur Rückentwicklung ganzer Regionen.“ Die alternde Gesellschaft stehe vor einer besonderen Herausforderung. Älterwerden in heutiger Zeit sei völlig anders als Älterwerden in früheren Zeiten, so Pratzel. „Wer heute in Rente geht, hat noch mehr als ein Viertel seines Lebens vor sich. Wir können nicht hinterm Ofen sitzen und auf das Ende warten.“
Das Durchschnittsalter der Bevölkerung im Landkreis Demmin war 2008 laut Pratzel 44,7 Jahre. Während innerhalb von 20 Jahren im Landkreis Demmin die Zahl der unter Zweijährigen um 46,5 Prozent zurückgehen werde, so nimmt der Anteil der über 65-Jährigen in den nächsten Jahrzehnten zu. Waren vor vier Jahren 21,6 Prozent Einwohner im Kreis über 65, werden es voraussichtlich 2050 etwa 62 Prozent sein. Am stärksten betroffen sei die Hansestadt Demmin. Da würden die Prognosen von künftig 72 Prozent Rentner ausgehen. Schon in fünf Jahren werde ein Drittel der Demminer älter als 65 Jahre sein, 2040 seien es fast die Hälfte. Immer mehr Frauen würden zudem kinderlos bleiben.
Wirtschaft und Politik müssten auf diesen demografischen Wandel reagieren. Denn 75-Jährige müssen nicht gleich pflegebedürftig sein. Dennoch könne es Einschränkungen geben, man sehe oder höre nicht mehr so gut, sei schlechter zu Fuß, oder die Gelenke funktionieren nicht mehr so. Da könne schon das Öffnen eines Marmeladenglases zum Problem werden oder den vakuumverpackten Käse aus der Folie zu holen. Auch Stolpersteine können zum Handicap werden. Deshalb stehe die Gesellschaft vor der Herausforderung, Barrieren auszuräumen und eine Umwelt zu schaffen, die zu Aktivitäten motiviert. Das müsse bei Planungen, Wohnungsbau, Verkehrssystemen berücksichtigt werden. Denn wichtig sei es, lange die Selbstständigkeit zu erhalten und zu fördern.
Dies zu erreichen, dabei kann der Seniorenbeirat mithelfen, wenn er bei Entscheidungen einbezogen werde. „Wir brauchen das Miteinander der Generationen“, sagte Pratzel. Zum einen würden die Erfahrungen der Älteren in Wirtschaft, Politik und Verwaltung gebraucht, zum anderen würden die Ideen der Jüngeren gebraucht, ihre Dynamik, ihr Schwung und ihr Drängen auf Veränderung. Zudem sei es wichtig, dass Ältere körperlich und geistig aktiv sind, die Kommunikation pflegen und nicht allein vor dem Fernseher sitzen. „Die Seniorenarbeit begann mit der Frage: Was kann die Gesellschaft für die Senioren tun? Heute müssen wir auch fragen: Was können die Senioren für die Gesellschaft tun?“ Pratzel nannte Beispiele wie „Großelterndienst“ oder Patenschaften mit Schulen.
Das Allerwichtigste in Zeiten des demografischen Wandels sei aber eine bestmögliche Bildung in den ersten Lebensjahren. „Geld muss in die Kitas fließen“, meinte Pratzel. Entscheidungen zur Familiengründung zu erleichtern und Vereinbarkeit von Beruf und Familie seien politische Herausforderungen. Über Seniorenbeiräte soll unterdessen Älteren eine Rolle in einer zukunftsgerichteten Kommunalpolitik übertragen werden. Das geplante Seniorenmitwirkungsgesetz habe das Ziel, Senioren zu stärken und ihre aktive Beteiligung am sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Leben zu fördern. Dem Sozialamt obliege die Geschäftsführung des Seniorenbeirates. Das sah Sozialamtsleiterin Doris Koß etwas anders. Ihre Behörde habe nicht nur mit alten Leuten zu tun. Ohne die Arbeit verschieben zu wollen, sehe sie die Demografie auch als Schulentwicklungsplanung, und es habe auch mit Regionalplanung zu tun. Deshalb sehe sie die Interessen eher beim Regionalen Planungsverband.
Roland Thoms (SPD) warnte indes vor einer Dominanz der Alten und einem Splitten der Generationen. Da könne man schnell in Konflikte kommen, wenn Stolpersteine beseitigt anstatt Mehrzweckhallen gebaut werden. Davor sollte man sich in Acht nehmen und diese Tendenz nicht stärken. Zudem sei es fatal, zu glauben, alles, was jünger sei, sei für die Gesellschaft stabilisierend, lobenswert. Diabetes und schwerste Depressionen würden bei jüngeren Leuten immer häufiger auftreten. „Was nutzen uns Typ-2-Diabetiker mit 17 Jahren und Leute, die mit Pharmatabletten stillgelegt werden?“, fragte Thoms.
Der Seniorenbeirat sei nicht nur für die Älteren von heute da, widersprach Pratzel. Sondern setze sich dafür ein, dass die Jugend so heranwächst, dass „sie für die Gesellschaft als sinnvolle Bürger dastehen“.