19. November 2009 | 00:05 Uhr | von Ralph Sommer, ddp
Seit Helmut Pratzel in Törpin wohnt, blüht der Ort auf.zvs
TÖRPIN – Im Dorf Törpin bei Demmin leben heute nur noch etwa 100 Einwohner. Vor ein paar Jahrzehnten waren es einmal mehr als 500. Da habe es hier noch zwei Friseure, zwei Metzger, einen Schmied und zwei Bäcker gegeben, erinnert sich der Tischlermeister Günter Wiesener. Der 77-Jährige ist inzwischen der letzte Handwerker im Ort. Ihm fehle das Pausengeschrei der Kinder, die einst nebenan in die Schule gingen, sagt Wiesener, der in Törpin geboren wurde. Dass in der lange Zeit leerstehenden Schule überhaupt wieder Leben einzog, sei “dem Professor” vom Seniorenbeirat zu verdanken – gemeint ist damit Helmut Pratzel, der für seine Verdienste für den Deutschen Engagementpreis nominiert wurde.
Das Haus von Pratzel steht auf der gegenüberliegenden Straßenseite, gut 100 Meter entfernt. Bis 1971 war es mal der Gasthof “Augustin”. Vor neun Jahren erwarb Pratzel als pensionierte Mediziner das heruntergekommene Anwesen, baute es zum Wohnhaus um. Der angrenzende Saal wurde wieder ein Veranstaltungsraum. Pratzel gründete den Verein Törpiner Forum, ersteigerte bei der Universität Greifswald 50 Aula-Stühle und lud seine neuen Nachbarn ein. Inzwischen trifft man sich regelmäßig. Montags kommt der Singekreis, freitags wird getanzt. Pratzel organisiert Vorträge, Kinderveranstaltungen und Weihnachtsfeiern.
“Ich wollte das alte Zusammengehörigkeitsgefühl wieder erwecken”, sagt der 74-jährige Pratzel, der 1961 nach Repressionen nach Westberlin geflohen war, in München promovierte und gleich nach der Wende wieder in den Osten zurückkehrte, um zu helfen. Pratzel kaufte für 6000 Euro die alte Schule. Mit Fördergeldern und der Hilfe von Ein-Euro-Kräften wurden die vom Hausschwamm befallenen Klassenzimmer wieder instand gesetzt. Es entstand ein dörfliches Kommunikationszentrum mit einer Bibliothek, Internetraum, einer Küche und einer Wohnung, deren Mieteinnahmen der rührige Pensionär wieder in den Betrieb investiert. Pratzel organisierte Computerkurse, Spielenachmittage und Seniorentreffs.
Ständig hat er neue Ideen. Im Internet sammelte Pratzel alte Heimatlieder und machte daraus ein Liederbuch für den Törpiner Singekreis. In der Schule richtete er ein kleines Bürgerbüro ein, in dem kostenlose Gesundheitschecks zu bekommen sind, Kopier- und Faxaufträge übernommen werden und auch mal Briefmarken gekauft werden können. Mit Jugendlichen entrümpelte er den alten Dorfteich, baute einen Badesteg und organisierte Frühlingsfeste. Und er nutzte seine Kontakte zu Wissenschaftlern, die er zu medizinischen und naturwissenschaftlichen Vorträgen nach Törpin einlud.
Inzwischen engagieren sich nicht nur die Törpiner, sondern auch Bewohner der Nachbardörfer als freiwillige Helfer im Forum. Die ganze Region, vor allem aber die ältere Generation, profitiere von dem ehrenamtlichen Engagement des 74-Jährigen, sagt die Vorsitzende des Landesseniorenbeirates Mecklenburg-Vorpommern, Brigitte Paetow. Pratzel, der inzwischen ein Privatvermögen von etwa 150 000 Euro in die gemeinnützigen Projekte investierte, will nun auch Seniorenbeiräte in Städten wie Altentreptow, Demmin und Malchin gründen und ein Netzwerk zur Bewältigung des demografischen Wandels schaffen.